Zertifikat des deutschen Tonkünstlerverbandes
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Wu Wei — Tun durch Nicht Tun (Gitarre & Laute, Jahrgang XXI, Heft 5/1999)

Ein Dis­kus­si­ons­bei­trag zur Spiel­tech­nik der rech­ten Hand
von Frank Hart­mann

Aus mei­ner nun­mehr über 15-jäh­ri­gen Tätig­keit als pri­va­ter Musik­leh­rer für Kon­zert­gi­tar­re in Fürth sind mir die bei der Spiel­tech­nik der rech­ten Hand auf­tre­ten­den Pro­ble­me aus der Unter­richts­pra­xis wohl­ver­traut. Schon wäh­rend mei­ner Instru­men­tal­aus­bil­dung bei Kurt Hiesl in Nürn­berg waren in der spiel­tech­ni­schen Aus­bil­dung der rech­ten Hand neben der rei­nen Geläu­fig­keit Anschlags­kul­tur und Ton­bil­dung Schwer­punk­te des Unter­richts, und ich habe die­sen Ansatz mei­ner musik­päd­ago­gi­schen Pra­xis zugrun­de gelegt — der Ton, und damit letzt­lich die Funk­tio­na­li­tät der rech­ten Hand arti­ku­lie­ren die Musik.

Als ich im Schul­jahr 1997/98 eine Schü­le­rin in kür­zes­ter Zeit spiel­tech­nisch und musi­ka­lisch zur Stu­di­ums­rei­fe führ­te und mit ihr ein Pro­gramm für die Auf­nah­me­prü­fung erar­bei­te­te, ent­schloss ich mich, mei­ne Kennt­nis­se aus außer­mu­si­ka­li­schen Berei­chen sys­te­ma­tisch mit in den Unter­richt ein­zu­be­zie­hen. Unter ande­rem ent­stand dar­aus der von mir ent­wi­ckel­te Ansatz ‚Qi Gong für Musi­ker’, in Heft 3/99 von Gitar­re & Lau­te dar­ge­leg­te Ansatz, die von mir bei mei­nem Qi Gong und Kampf­kunst­leh­rer Hel­mut A. Bau­er in Bam­berg u.a. wäh­rend mei­ner Aus­bil­dung zum Qi Gong — Übungs­lei­ter erwor­be­nen Kennt­nis­se und Ver­fah­ren des Qi Gong in das Instru­men­tal­spiel zu inte­grie­ren.

Selbst­ver­ständ­lich war aber auch die Spiel­tech­nik der rech­ten Hand ein zen­tra­les The­ma der Prü­fungs­vor­be­rei­tung mei­ner Schü­le­rin, und ich nahm dies zum Anlass, mich zum wie­der­hol­ten Male inten­siv mit den funk­tio­na­len ana­to­mi­schen und phy­si­ka­li­schen Grund­la­gen der Spiel­tech­nik der rech­ten Hand zu befas­sen.

Spiel­hal­tung und Bewe­gungs­ge­schwin­dig­keit

Wie ich in mei­nem oben schon erwähn­ten Auf­satz ‚Qi Gong für Musi­ker’ unter ande­rem bereits dar­ge­legt habe, ist Locker­heit die unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für eine hohe Bewe­gungs­ge­schwin­dig­keit. Im übri­gen kennt die­ses Phä­no­men wohl jeder Instru­men­ta­list aus der Spiel­pra­xis in sei­ner nega­ti­ven Aus­prä­gung: je verspannter/verkrampfter man ist, des­to lang­sa­mer bzw. unko­or­di­nier­ter ‚lau­fen’ die Fin­ger.
Inter­es­sant sind in die­sem Zusam­men­hang die von K. Tit­tel aus­führ­lich in sei­nem Buch beschrie­be­nen Grund­la­gen der funk­tio­nel­len Anatomie(1) und die Über­tra­gung die­ser Prin­zi­pi­en auf Hal­tung und Spiel­tech­nik am Bei­spiel von Strei­chern und Pia­nis­ten durch G. Schnack(2) . Im Nach­fol­gen­den wer­de ich ver­su­chen, Ent­spre­chen­des kurz skiz­ziert für die Gitar­ren­hal­tung dar­zu­le­gen.

K. Tit­tel beschreibt anschau­lich, dass die Mus­ku­la­tur funk­tio­nal im Ver­band soge­nann­ter Mus­kel­sch­lin­gen zusammenarbeitet(3) und nur bei opti­ma­ler Leis­tungs­fä­hig­keit aller betei­lig­ten Mus­keln ein ent­spre­chen­des Ergeb­nis zu erzie­len ist. In streng sche­ma­ti­siert ein­ge­zeich­ne­ten Mus­kel­sch­lin­gen stellt er die ent­spre­chen­den Mus­kel­grup­pen­ver­bin­dun­gen anschau­lich dar. Er weist dabei aus­drück­lich dar­auf hin, dass „…ein ver­kürz­ter ton­i­scher Mus­kel sei­nen pha­si­schen Antagonisten(4) reflek­to­risch hemmt und damit des­sen opti­ma­le Akti­vie­rung verhindert;…(5)“. Die ton­i­sche Mus­ku­la­tur umfasst unter ande­rem den gro­ßen Brust­mus­kel, die tie­fe, kur­ze und lan­ge Rücken-stre­cker­mus­ku­la­tur, die ischio-crura­le Mus­ku­la­tur und den Len­den Darm­bein­mus­kel.

Dass die­sen Mus­kel­grup­pen bei der Gitar­ren­hal­tung eine durch­aus wich­ti­ge Auf­ga­be zukommt, ist aus der Skiz­ze 1 deut­lich zu erse­hen. Die­se Mus­keln sta­bi­li­sie­ren den Ober­kör­per in der sit­zen­den Spiel­hal­tung und sind je nach Nei­gung des Ober­kör­pers einer mehr oder weni­ger hohen sta­ti­schen Belas­tung unter­wor­fen.

Auf ein­sei­ti­ge Belas­tun­gen, wie es zum Bei­spiel das andau­ern­de Sit­zen in der Gitar­ren­spiel­hal­tung beim Üben bzw. beim musi­ka­li­schen Vor­trag dar­stellt, reagiert die­se Mus­ku­la­tur ten­den­zi­ell mit einer Ver­kür­zung. Dies äußert sich sowohl in Schmer­zen in der Mus­ku­la­tur als auch, wie oben bereits ange­spro­chen, in einer Reduk­ti­on der Bewe­gungs­fä­hig­keit und -geschwindg­keit auf Grund einer refle­k­o­ri­schen Hem­mung.

Je nach Nei­gung des Ober­kör­pers und je nach Spiel­hal­tung mit Fuß­stuhl oder Stüt­ze ändert sich die Belas­tung der ton­i­schen Mus­ku­la­tur erheb­lich, und dies wird über den Ver­band der Mus­kel­sch­lin­gen über die Mus­ku­la­tur der Arme bis in die Fein­mo­to­rik der Fin­ger als erhöh­te ‚Vor­span­nung’ der betrof­fe­nen Mus­keln wei­ter­ge­ge­ben (Skiz­ze 2 und 3). Hin­zu kom­men noch über die Mus­kel­sch­lin­gen über­tra­ge­ne ‚Vor­span­nun­gen’ durch Seit­wärts­nei­gung oder Ver­dre­hung des Ober­kör­pers. Die ent­spre­chen­den Mus­kel­sch­lin­gen sind in Skiz­ze 4 und 5 eingezeichnet(6), und es ist deut­lich erkenn­bar, dass hier Über­tra­gun­gen in die Arme und damit Beein­flus­sun­gen der Spiel­fä­hig­keit statt­fin­den kön­nen.

Die­se ‚Vor­span­nun­gen’ der Mus­ku­la­tur kön­nen in der Sum­me durch­aus eine erheb­li­che bewe­gungs­ein­schrän­ken­de bzw. hem­men­de Wir­kung ent­wi­ckeln und somit zu einem spiel­tech­nisch rele­van­ten Pro­blem wer­den. Es bleibt zusam­men­fas­send fest­zu­hal­ten, dass jede an einer belie­bi­gen Stel­le einer Mus­kel­sch­lin­ge ein­ge­brach­te Belas­tung oder Span­nung über die Ver­ket­tung der ein­zel­nen Mus­keln und Mus­kel­grup­pen zu einer funk­tio­na­len Mus­kel­sch­lin­ge auf alle ande­ren an die­ser Mus­kel­sch­lin­ge betei­lig­ten Mus­keln über­tra­gen wird, und so auch auf die­se bewe­gungs­hem­mend bzw. belas­tend wirkt.

Sitzhaltung Gitarrist

Stre­cker­schlin­ge = schwarz; Beu­ger­schlin­ge = rot

Dies soll hier als Anre­gung genü­gen, über die Beschaf­fen­heit der eige­nen Mus­ku­la­tur bezüg­lich Kraft, Locker­heit, Dehn­fä­hig­keit, etc. und die Aus­wir­kung der Spiel­hal­tung auf Geläu­fig­keit, Geschwin­dig­keit und Klang­kul­tur nach­zu­den­ken. Lin­de­rung und Abhil­fe bei Beschwer­den bzw. spiel­tech­ni­schen Pro­ble­men sowie Anre­gun­gen und Erfah­run­gen zum Umgang mit Hal­tung und Bewe­gung und Trans­fer­mög­lich­kei­ten in den Spiel­pro­zess bie­tet, wie ich in mei­nem Arti­kel ‚Qi Gong für Musi­ker’ aus­führ­lich dar­ge­legt habe, die chi­ne­si­sche Bewe­gungs­kunst Qi Gong als Bestand­teil der tra­di­tio­nel­len chi­ne­si­schen Medi­zin.

Phy­si­ka­li­sche Grund­la­gen des Anschlags

Die Schwin­gungs­en­er­gie der ange­schla­ge­nen Sai­te und damit Laut­stär­ke und Ton­vo­lu­men sind direkt abhän­gig von der kine­ti­schen Ener­gie des anschla­gen­den Fin­gers, wobei die kine­ti­sche Ener­gie das Pro­dukt der Hälf­te der beschleu­nig­ten Mas­se mit dem Qua­drat der Geschwin­dig­keit ist.

E = m/2 * v2

Es ergibt sich danach, dass die beschleu­nig­te Mas­se des Fin­gers nur zur Hälf­te ein­geht, die Bewe­gungs­ge­schwin­dig­keit aber im Qua­drat. Es ist also offen­sicht­lich, dass die kine­ti­sche Ener­gie mit dem Qua­drat der Geschwin­dig­keit steigt und somit eine Beschleu­ni­gung des anschla­gen­den Fin­gers eine opti­ma­le Stei­ge­rung der Bewe­gungs­en­er­gie und somit auch eine Opti­mie­rung der vor­ge­nann­ten Klang­pa­ra­me­ter erreicht, wobei eine hohe Bewe­gungs­ge­schwin­dig­keit des Anschlags­fin­gers auch die Grund­vor­aus­set­zung für schnel­les Spie­len ist.

Ana­to­mi­sche Grund­la­gen des Anschlags

Aus­ge­hend von einer Spiel­hal­tung, die den Trans­fer stö­ren­der mus­ku­lä­rer Belas­tun­gen in die spiel­tech­nisch rele­van­ten Mus­kel­sch­lin­gen mini­miert bzw. ver­mei­det, sol­len nun im Fol­gen­den die funk­tio­na­len Grund­la­gen des Anschlags betrach­tet wer­den.

Um einen opti­ma­len Trans­fer der kine­ti­schen Ener­gie des anschla­gen den Fin­gers in Schwin­gungs­en­er­gie der ange­schla­ge­nen Sai­te zu gewähr­leis­ten, muss zunächst ein ‚Nach­ge­ben’ der Fin­ger­ge­len­ke im Moment des Anschlags ver­mie­den wer­den. Da ein ‚Fest­hal­ten’ der Gelen­ke zu einer sta­ti­schen Mus­kel­span­nung und damit zu Ver­kramp­fun­gen und gerin­ge­rer Beweg­lich­keit füh­ren wür­de, liegt die Lösung die­ses Pro­blems im geziel­ten beu­gen­den Ein­satz aller Gelen­ke des Anschlags­fin­gers, wodurch ein Abkip­pen spe­zi­ell des Fin­ger­end­ge­len­kes zuver­läs­sig ver­mie­den wer­den kann.

Vor wei­te­ren Erläu­te­run­gen sei hier zunächst noch fest­ge­stellt, dass die beu­gen­de Mus­ku­la­tur (z.B. Bizeps) der obe­ren Extre­mi­tä­ten wesent­lich stär­ker aus­ge­prägt ist, als die stre­cken­de (z.B. Tri­zeps) — der Kör­per ent­wi­ckelt sei­ne maxi­ma­le Kraft qua­si ‚nach innen’ oder schlie­ßend, und dies gilt in beson­de­rem Maße für die Hand und damit auch für jeden ein­zel­nen Fin­ger. Nach­dem die beu­gen­den Mus­keln aber auf der Innen­sei­te des zu beu­gen­den Kno­chen anset­zen, ist für die opti­ma­le Über­tra­gung der Bewe­gung und Kraft ein vor­ge­beug­tes Gelenk Vor­aus­set­zung, da sonst der beu­gen­de Mus­kel in einem sehr ungüns­ti­gen Ansatz­win­kel sei­ne Kraft nicht opti­mal in Bewe­gung umset­zen kann(Skizze 6 + 7 – sche­ma­ti­sier­te Dar­stel­lung der Wir­kung der Beu­ge­kraft, der Pfeil gibt die Zug­rich­tung des Mus­kels an).

FIngerskizze

Die opti­ma­le Kraft­ent­wick­lung und Über­tra­gung ergibt sich also bei Vor­beu­gung aller Gelen­ke des anschla­gen­den Fin­gers (Skiz­ze 8).

Die Stei­fig­keit oder Gegen­kraft der Sai­te kann bei die­ser Gelenk­stel­lung des Fin­gers opti­mal über­wun­den wer­den, da hier zudem alle Gelen­ke in glei­cher Rich­tung — näm­lich beu­gend — benutzt wer­den und somit kei­ne ‚Gegen­be­we­gung’ mit ent­spre­chen­dem Kraft und Ener­gie­ver­lust statt­fin­det.

Hier sei noch ein­mal ver­wie­sen auf das von K. Tit­tel in sei­nem vor­ge­nann­ten Buch beschrie­be­nen Prin­zip der Muskelschlingen(7), wonach sich Mus­keln zu funk­tio­nel­len Mus­kel­grup­pen zusam­men­schlie­ßen und unter Ein­be­zie­hung inter­ner und exter­ner Rück­kop­pe­lungs­me­cha­nis­men qua­si mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren — also ihre Bewe­gungs­rich­tung und -inten­si­tät den ande­ren Mus­keln in der Mus­kel­sch­lin­ge mit­tei­len und die­se ani­mie­ren, sich in glei­cher Bewe-gungs­rich­tung und -inten­si­tät zu bewe­gen.

Ein nach außen gerichtetes/gestrecktes Gelenk in einer eigent­lich geschlos­sen nach innen gerich­te­ten — also gebeug­ten — Gelenk­rei­he erzeugt daher immer erheb­li­che mus­ku­lä­re Span­nun­gen, da hier das Funk­ti­ons­prin­zip der Mus­kel­sch­lin­ge qua­si gewalt­sam, also durch erheb­li­che mus­ku­lä­re Kraft und Anstren­gung, durch­bro­chen wird — der ent­spre­chen­de Beu­ger­mus­kel will sein Gelenk beu­gen, und gegen die­se Kraft erzwingt der Stre­cker­mus­kel die Gegen­rich­tung. Dies führt selbst­ver­ständ­lich zu ent­spre­chen­den Ver­span­nun­gen und Ver­kramp­fun­gen und behin­dert die Spiel­fä­hig­keit nach­hal­tig.

Als prak­ti­sches Bei­spiel einer kor­rekt geschlos­sen nach ‚innen’ gebeug­ten Gelenk­rei­he sei hier die Hal­tung des rech­ten Armes mit dem Bogen im Hand­ge­lenk der rech­ten Hand ange­führt, wobei sich das Hand­ge­lenk in der soge­nann­ten ‚Neu­tral Null Position’(8) befin­det. Dass Extrem­po­si­tio­nen in Gelen­ken grund­sätz­lich ver­mie­den wer­den soll­ten, ergibt sich aus der Tat­sa­che, dass ein Mus­kel in sei­ne maxi­ma­le Kon­trak­ti­on oder Deh­nung gehen muss, um extre­me Gelenk­stel­lun­gen zu ermög­li­chen, und ein der­art belas­te­ter Mus­kel natür­lich nicht locker sein kann. Zudem übt eine der­art belas­te­te Mus­ku­la­tur auch erheb­li­chen Druck auf das ihn umge­ben­de Gewe­be aus. Hier sind funk­tio­nell gese­hen vor allem Seh­nen, Seh­nen­schei­den und -fächer von Inter­es­se.

Die­se Druck­be­las­tung kann zu spiel­tech­ni­schen Pro­ble­men und blei­ben­den Schä­den in den genann­ten Berei­chen führen(9). Zusam­men­fas­send ergibt sich aus die­sen Über­le­gun­gen, dass sich — mit eini­ger Übung — eine opti­ma­le Anschlags­be­schleu­ni­gung und ein maxi­ma­ler Ener­gie­trans­fer auf die Sai­te errei­chen lässt, wenn man das Prin­zip der run­den, in einer Rich­tung geschlos­se­nen Bewe­gungs­ket­te sowohl in der Gitar­ren- und Arm­hal­tung als auch beim Anschlag des Fin­gers beach­tet.

Kampf­kunst und Anschlags­tech­nik

Ist die Kon­zen­tra­ti­on im Moment des Anschla­gens auf die zu spie­len­de Sai­te gerich­tet, wird das Ergeb­nis aller­dings rela­tiv unbe­frie­di­gend aus­fal­len. Der Grund liegt dar­in, dass die kine­ti­sche Ener­gie bis zum Errei­chen des Zie­les — hier der zu spie­len­den Sai­te — opti­mal ent­wi­ckelt wird und die Bewe­gung beim Errei­chen des Zie­les endet, und damit auch die kine­ti­sche Ener­gie. Ist die Sai­te erreicht, wird der Fin­ger, anstatt schwung­voll anzu­schla­gen, qua­si nur noch durch­ge­drückt!

Ein Kampf­sport­ler ‘denkt‘ sei­nen Schlag immer durch das Ziel hin­durch, um im Moment des
Auf­tref­fens die maxi­ma­le kine­ti­sche Ener­gie für den Schlag zur Ver­fü­gung zu haben – die Bewe­gung und damit auch die kine­ti­sche Ener­gie endet hin­ter dem Ziel.

Zum Trans­fer die­ser Tech­nik auf die Anschlags­be­we­gung emp­fiehlt sich nach mei­ner Erfah­rung das apoyan­do Spiel, der Wech­sel­schlag mit Anle­gen. Durch das Anle­gen des anschla­gen­den Fin­gers an der tie­fe­ren Nach­bar­sai­te der gespiel­ten Sai­te wan­dert der Ziel und End­punkt der Bewe­gung hin­ter die klin­gen­de Sai­te — die kine­ti­sche Ener­gie des an schla­gen­den Fin­gers ist im Moment des Anschlags maxi­mal und erst im Augen­blick des Anle­gens erschöpft. Der Sai­ten­wi­der­stand kann so opti­mal über­wun­den wer­den, die Fin­ger geben in den Gelen­ken nicht nach und die Sai­te wird maxi­mal aus­ge­lenkt — es erklingt ein kla­rer, kraft­vol­ler Ton, der nach Belie­ben in Klang­far­be und Dyna­mik modu­lier­bar ist. Nach ent­spre­chen­der Übung kann die­ses Bewe­gungs­prin­zip auch auf das tiran­do-Spiel über­tra­gen wer­den. Hier muss nun ein ima­gi­nä­res Ziel hin­ter der zu spie­len­den Sai­te anvi­siert wer­den.

Vom Anschlag zum Wu Wei

Wie bereits oben dar­ge­stellt, ist die beu­gen­de Mus­ku­la­tur wesent­lich stär­ker aus­ge­prägt als die stre­cken­de Mus­ku­la­tur. Dar­aus folgt die zunächst bana­le Erkennt­nis, dass die Hand und damit auch die ein­zel­nen Fin­ger schlie­ßend die maxi­ma­le Kraft ent­wi­ckeln.

Bedingt durch das schon aus­führ­lich dar­ge­leg­te Grund­prin­zip der Mus­kel­sch­lin­gen wol­len alle Fin­ger ihre Bewe­gun­gen syn­chron in glei­cher Rich­tung aus­füh­ren. Eine Gegen­be­we­gung ein­zel­ner Fin­ger fällt zunächst schwer und bedarf der Übung. Bei Anschlags­übun­gen wird durch das fort­ge­setzt wie­der­hol­te Über­win­den des Sai­ten­wi­der­stan­des aus­schließ­lich die beu­gen­de Mus­ku­la­tur, also die von Natur aus sowie­so wesent­lich stär­ke­re Mus­ku­la­tur der Fin­ger, gekräf­tigt. Die Fol­gen aus die­ser Übungs­wei­se sol­len nun im Detail betrach­tet wer­den.

Aus­ge­hend von der Annah­me, dass der Mit­tel­fin­ger ‚m’ ange­legt ist, er gibt sich für sei­ne Beu­ge­mus­ku­la­tur eine erhöh­te Vor­span­nung nach innen. Die­se Vor­span­nung wird über die Mus­kel­sch­lin­ge an die Beu­ge­mus­ku­la­tur des Zei­ge­fin­gers ‚i’ und des Ring­fin­gers ‚a’ über­mit­telt. Gegen die­se von ‚m’ über­mit­tel­te Vor­span­nung sei­ner Beu­ge­mus­ku­la­tur muss nun ‚i’ von sei­nen erheb­lich schwä­che­ren Stre­cker­mus­keln nach außen beschleu­nigt wer­den, um für den nächs­ten Anschlag aus­zu­ho­len. Die Aus­hol­be­we­gung wird daher rela­tiv kraft­los und vor allem lang­sam aus­fal­len.

Die beschrie­be­ne Situa­ti­on ändert sich nur unwe­sent­lich, wenn Wech­sel­schlag im tiran­do, also ohne Anle­gen gespielt wird. Durch die Über­win­dung des Sai­ten­wie­der­stan­des wird der Beu­ge­mus­kel bei jedem Anschlag gekräf­tigt. Die­ses Kraft­trai­ning ent­fällt für die stre­cken­de Mus­ku­la­tur, da beim Aus­ho­len kein Sai­ten­wi­der­stand über­wun­den wer­den muss!

Kraft­trai­ning für die Stre­cker­mus­ku­la­tur tut also Not, um die mus­ku­lä­re Dys­ba­lan­ce zwi­schen Ago­nist und Ant­ago­nist aus­zu­glei­chen und das Aus­ho­len zu beschleu­ni­gen. Hier bie­ten sich alle Anschlags­ar­ten an, die den Sai­ten­wi­der­stand nach außen über­win­den, z.B. Dodil­lio und Ras­gue­do, geübt mit einer bewuss­ten Beto­nung auf den Anschlag nach außen.

Da die Beu­ge­mus­ku­la­tur stär­ker und kür­zer ist als die Stre­cker­mus­ku­la­tur, schlie­ßen die Fin­ger der Hand in ent­spann­tem Zustand von allein, und nach ent­spre­chen­dem Dodil­lio- und Ras­gue­do­trai­ning kann dazu über­ge­gan­gen wer­den, dass man sich aus­schließ­lich auf das Aus­ho­len kon­zen­triert und den Anschlag sozu­sa­gen sei­nem Fin­ger bzw. sei­ner Moto­rik über­lässt, mit der Vor­stel­lung, das Ziel und damit der End­punkt der Bewe­gung lie­ge hin­ter der klin­gen­den Sai­te. Die­se Vor­ge­hens­wei­se lässt sich auf alle Anschlags­ar­ten, ob apoyan­do oder tiran­do, Melo­die- oder Akkord­spiel, über­tra­gen.

Die­ses Funk­ti­ons­prin­zip lässt sich am Bei­spiel eines Bogen­schüt­zen gut dar­stel­len. Der Stre­cker des Fin­gers ent­spricht dem Bogen­schüt­zen, der die Bogen­seh­nen, in unse­rem Bild den Beu­ge­mus­kel, spannt. Lässt der Bogen­schüt­ze die Bogen­seh­ne los, ent­spannt sie sich und setzt ihre Span­nungs­en­er­gie in Bewe­gungs­en­er­gie um — der Pfeil wird abge­schos­sen. Der Stre­cker­mus­kel beschleu­nigt den Fin­ger im Aus­ho­len nach außen und ‚spannt’ dabei den Beu­ge­mus­kel vor, der im Moment des Anschlags sei­ne Vor­span­nung in die
Bewe­gung des Fin­gers nach innen umsetzt und dabei ent­spannt! Jeder Anschlag bedeu­tet so Ent­span­nung, da die ‚Anstren­gung’ aus­schließ­lich im Bruch­teil einer Sekun­de wäh­rend des Aus­ho­lens statt­fin­det und der Anschlag qua­si ‚geschieht’.

Dies ent­spricht einer Form von Wu Wei — Tun durch Nicht Tun — einem „…Han­deln, das so unge­zwun­gen und natür­lich ist, dass es die gewöhn­li­che Bedeu­tung von Han­deln mit sei­nem dazu­ge­hö­ri­gen Über­le­gen und Abwä­gen ver­liert, und das so in völ­li­ger Har­mo­nie mit der Natur ist, dass es ein­fach nur ist, ohne dass man dar­über
nach­den­ken muss(10).“

Wu Wei heißt also kei­nes­falls, Feh­ler zu ver­mei­den, indem etwas nicht getan wird, was in letz­ter Kon­se­quenz ja hei­ßen wür­de, nicht Gitar­re zu spie­len, um nicht falsch Gitar­re zu spie­len. Wu Wei meint viel­mehr eine Form des ‚Gesche­hen­las­sens’ ohne über­mä­ßi­ge Kon­zen-tra­ti­on und Anstren­gung. Wenn der Anschlag aber so aus­ge­führt wird, sind Zeit und Geschwin-dig­keit sehr rela­ti­ve Grö­ßen, und Sech­zehn­tel auf Vier­tel­schlä­ge MM = 144 kein nen­nens­wer­tes Pro­blem im apoyan­do Spiel mit ‚i’ und ‚m’.

Schluss­be­mer­kung

Abschlie­ßend möch­te ich noch anmer­ken , dass beim ‘kon­ven­tio­nel­len‘ Anschlag immer Kup­pe
und Nagel in glei­cher Form und in glei­chen Antei­len den Ton for­men – unab­hän­gig davon, ob der Anschlag apoyan­do oder tiran­do aus­ge­führt wird. Beim Dodil­lio hin­ge­gen wech­seln stän­dig Noten, die mit Kup­pe-Nagel gespielt wer­den, mit Noten, die mit Nage­lau­ßen­sei­te ange­schla­gen wer­den, ab. Dies ergibt ein klang­lich unein­heit­li­ches Bild der musi­ka­li­schen Phra­se und ist mei­ner
Mei­nung nach aus klang­äs­the­ti­schen Gesichts­punk­ten nicht zu ver­tre­ten.

Musi­ka­li­sche Phra­sen kön­nen im ‚kon­ven­tio­nel­len’ Anschlag unab­hän­gig von der Geschwin­dig­keit der Noten klang­lich geschlos­sen dar­ge­stellt wer­den. Denn „…letzt­lich ent­schei­det die rech­te Hand über die ton­liche Qua­li­tät der Musik, und der Ton in sei­ner musi­ka­lisch ästhe­ti­schen Sub­stanz erschließt oder ver­schließt dem Zuhö­rer das gespiel­te Werk(11).“
Ein Zuge­winn in einem Bereich darf mei­ner Mei­nung nach nicht zu Las­ten eines ande­ren Berei­ches gehen, da es sich sonst nur um eine Schein­ba­re Pro­blem­lö­sung, in Wirk­lich­keit aber um eine Pro­blem­ver­la­ge­rung han­delt.

Bei allem „schnel­ler, mehr, lau­ter“ soll­ten wir Gitar­ris­ten nicht ver­ges­sen, dass die eigent­li­che Stär­ke unse­res Instru­men­tes die sen­si­ble Inter­pre­ta­ti­on der Musik in allen ihren Schat­tie­run­gen und Nuan­cen ist, und der musi­ka­li­sche Vor­trag auch dem Publi­kum mehr schul­det als nur Vir­tuo­si­tät — näm­lich eine schlüs­si­ge Inter­pre­ta­ti­on, Klang­sinn­lich­keit und Kan­ta­bi­li­tät.

(1)K. Tit­tel, Beschrei­ben­de und funk­tio­nel­le Ana­to­mie des Men­schen, Gus­tav Fischer Ver­lag, 1994, Jena, Stutt­gart.
(2)G. Schnack, Gesund und ent­spannt musi­zie­ren, Bären­rei­ter, 1994, Kas­sel, Basel, Lon­don, New York, Prag.
(3)K. Tit­tel, Beschrei­ben­de und funk­tio­na­le Ana­to­mie, S. 192 ff.
(4)Tonisch meint hier hal­tend – für die Kör­per­hal­tung zustän­dig, pha­sisch bewe­gend.
(5)Ebenda, S. 196.
(6)Vgl. eben­da, S. 241.
(7)Vgl. eben­da, S. 191 ff.
(8)Spannungsgleichgewicht zwi­schen Beu­ger- und Stre­cker­mus­ku­la­tur des Hand­ge­lenks bei mini­ma­lem Gleit­wi­der­stand der Seh­nen in der Hand. Vgl. auch G. Schnack, Gesund und ent­spannt musi­zie­ren, S. 25 f, S. 86 f.
(9)Vgl. G. Schnack, Gesund und ent­spannt musi­zie­ren, S. 25 f.
(10)J.C. Coo­per, Der Weg des Tao, Bern, Mün­chen, Wien, 1997, S. 98.
(11)F. Hart­mann, Qi Gong für Musi­ker, Gitar­re & Lau­te, 3/99, S.18